Die zwei Kerzen

by doktorfreakout

Ich war vor einiger Zeit bei einer älteren, sehr sympathischen Dame als Notarzt im Einsatz. Es ging ihr sehr schlecht und wir hatten alle Hände voll zu tun, um sie zu stabilisieren und transportfähig zu bekommen.

Aber wie das bei so Einsätzen oft der Fall ist, gibt es im Einsatzablauf auch immer Momente, an denen man gerade nichts zu tun hat. Solche Momente, wo zum Beispiel weiteres Equipment geholt oder der Transport vorbereitet wird. Und in solchen Momenten schaue ich mich gerne einmal um und versuche das Szenario auf mich wirken zu lassen. 

So auch in diesem Fall. Zwei Dinge fielen mir auf. Da war zum einen der sehr besorgte Ehemann. Er redete furchtbar schnell, rannte hektisch hin und her und fragte immer wieder seine Frau nach ihrem Befinden und wo Versicherungskarte, Morgenmantel und dergleichen zu finden seien. Mir war schnell klar, das die nackte Angst um seine Frau ihn trieb. Ich fragte mich, wie lange die beiden wohl schon verheiratet waren. Was sie erlebt hatten. Gute wie auch schlechte Zeiten. Mir war klar, dass er sie über alles in der Welt liebte und Höllenqualen bei dem Gedanken ausstand, dass sie versterben könnte. Ich konnte es beinahe sehen, dieses starke und innige Band zwischen beiden. Konnte fast körperlich diese Liebe spüren, die dort anwesend war. 

Zum anderen waren da die zwei brennenden Kerzen auf dem Wohnzimmertisch. 

Anscheinend hatten es sich die beiden gemütlich gemacht bei einem guten Buch oder zu einem entspannendem Film im Fernsehen. Getränke standen auf dem Tisch und mittig zwischen all den anderen Gegenständen standen diese zwei brennenden Kerzen. Mir war klar, dass wir sie ausmachen müssen, wenn wir die Wohnung verlassen. 

Ich stand also vor diesem Tisch und wollte die Kerzen kurzerhand auspusten. Und konnte es nicht. Ein unheimlicher Anflug von, ich nenne es jetzt mal Aberglauben in Ermangelung einer besseren Alternative, befiel mich schlagartig. Ich hatte plötzlich diesen Gedanken, dass die Kerzen stellvertretend für diese beiden Eheleute stehen. Und das, wenn ich sie auspuste, das gemeinsame glückliche Leben beider gleichermassen erlischt. Regungslos stand ich eine gefühlte Ewigkeit vor diesen Kerzen und rang innerlich mit mir selber. Ich fand den Gedanken absurd und gab meiner Müdigkeit die Schuld für diese galoppierende Irrationalität. Doch gleichzeitig war der Gedanke verblüffend logisch und wunderschön zu gleich. So schön, dass ich es nicht fertig brachte, sie auszupusten. Das übernahm dann letztlich ein Kollege.

Der Ehemann indes hatte, während ich innerlich mit Ratio und Irratio rang, den Plan gefasst, seine Frau erst in den Vormittagstunden des folgenden Tages in der Klinik zu besuchen. Vorher hätte es ja wohl sowieso keinen Zweck, so seine Meinung. Wieder betrachtet ich die Kerzen und mir wurde klar, die beiden sollte man nicht zu lange trennen. Es war meiner Ansicht nach das Beste für beide, wenn er zeitnah nachkommt und bei der Gelegenheit gleich ein paar Sachen wie Kleidung und dergleichen mitbringt. Ich teilte dem Ehemann meine diesbezügliche Meinung mit. Er ließ sich sofort überzeugen und wollte gemeinsam mit dem in der Nähe wohnenden Sohn nachkommen. 

Von dem Moment war mir der Gedanke der erlöschenden Kerzen erträglich. Und ich wusste, dass ich das Richtige getan hatte.

Ich hatte verstanden. 

 

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