Böller und das Elend dieser Welt

by doktorfreakout

Alle Jahre wieder kommt die immer selbe Diskussion darüber auf, wie sinnvoll oder sinnbefreit es doch sei, für Silvesterfeuerwerk und -böller Geld auszugeben. Mit der Zuverlässigkeit eines schweizer Uhrwerks kommen nach Weihnachten die Moralapostel dieser Republik aus ihren gutbürgerlichen Vororthöhlen gekrochen und erheben den Zeigefinger des schlechten Gewissens. Erheben vielfach das mahnende Wort im Angesicht des desaströsen Zustandes des Menschengeschlechts. Fordern zur bedingungslosen Abgabe jedes nicht dringend benötigten Cents an all die mühselig Beladenen dieser Welt. Recht so, möchte man meinen und dabei eifrig zustimmend nicken, bis die Halswirbelsäule krachend zersplittert. Man möchte gar einem jeden Käufer dieser explosiven Ware die Knarre an den Kopf halten und schreien:”Halte ein, du gottloser Ficker! Mit dem Kauf dieses schwarzpulvrigen Teufelswerks tötest du Kinder in Afrika!”

Das ist doch alles Bullshit!

Tauchen wir einen kurzen Augenblick ein in die Erinnerungen meiner Kindheit. Aufgewachsen auf dem Lande, in einem 900-Seelen Nest am Rande eines Flusses. Computer und Handys gab es noch nicht und im Fernsehen liefen nur drei Programme. Man hatte echte Freunde, mit denen man durch dick und dünn ging. Mit denen man von morgens bis abends durch die Gegend streifte, stets auf Abenteuer und Schabernack aus. Und jedes Jahr nach Weihnachten fieberten wir Silvester entgegen. Wir konnten den Verkaufsbeginn der Feuerwerksartikel kaum erwarten. Raketen waren uns egal, uns ging es um die Böller. Umso grösser und lauter, umso besser. Das schwarzpulverbasierte Knallwerk war unser Adrenalin. Mit diebischer Freude wurden natürlich bereits Tage vor dem Jahreswechsel die Kanonenschläge gezündet, auf das die Fensterscheiben der Nachbarn zitterten. Dann nahm man die Beine in die Hand und rannte, was die Lungen hergaben, den oftmals kam besagter Nachbar wutschnaubend aus der Behausung gerannt und eilte brüllend hinter uns her. War das ein Spass! Wir waren Jungs und Jungs tun so etwas eben. Jungs sind wild. Jungs sind laut. Und Jungs knallen zu Silvester mit Böllern, was gibt es da denn noch zu diskutieren?

Heute bin ich erwachsen und habe selber einen Jungen. Er ist 10 Jahre alt und er liebt Böller. Nicht mehr und nicht weniger als andere Jungs in seinem Alter. Ich persönlich bräuchte diese Knallerei gewiss nicht, mich nervt sie mittlerweile eher. Sie ist teuer und überflüssig. Man stinkt hinterher nach dem Zeug und die Ohren klingeln. Bevor ich Papa wurde, hatte ich schon über 10 Jahre lang nicht mehr zu Silvester geknallt. Jetzt kauf ich wieder Feuerwerk, meinen Kindern zuliebe. Und dieses Jahr ist ein besonderes Jahr: Nach langer Krankheit bin ich wieder gesund und kann im Kreise meiner Familie feiern. Die letzten Jahre habe ich am 31.12. stets gearbeitet und war nicht daheim.

Und jetzt frage ich euch: Soll ich heute Abend den moralinsauren Appell anstimmen und meinen Kindern, allen voran meinem ältesten Sohn erklären, dass dieses Jahr und für immer im Hause Freakout nicht geknallt wird, weil die Welt so schlecht und böse ist und anderswo Menschen hungern, in Kriegen fallen und gefoltert werden? Soll ich ihm erklären, dass ich das Geld für Ärzte ohne Grenzen und Amnesty International gespendet habe, damit diese Welt eine bessere wird? Das könnte ich tun, aber dann würde ich in Kauf nehmen, dass die Welt meines Sohnes eine schlechtere wird. Das er heute keinen Spass haben darf und zugucken muss, wie andere ihn haben. Ich würde ihm ein Stück seiner wilden Kindheit nehmen. Er würde dadurch womöglich reifer und erwachsener werden, aber will ich das denn überhaupt? Himmel, NEIN! Er soll ein Kind bleiben dürfen, solange er es für richtig hält. Erwachsen wird er noch früh genug. Probleme werden in seinem Leben schneller auf ihn zukommen, als ihm lieb ist. Umso später das der Fall ist, umso besser. Und an mir selber sehe ich ja, dass es jetzt nicht sooo schädlich war. Ich habe irgendwann ganz von selber die Unsinnigkeit an der Sache erkannt und es dann gelassen. Das wird ihm sicher auch gelingen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Und wenn ich ihm erkläre, dass die Welt schlecht ist, dann muss ich ihm auch erklären, dass es auch an den Menschen liegt, die heute einen hohen Betrag für Champagner und Kaviar ausgeben. Das es auch an den Menschen liegt, die ihr Geld für teuren Schmuck und Kleidung ausgeben. Die Luxusautos fahren. Die millionenteure Immobilien in bester Lage erwerben. Die an einem Tag mehr Geld ausgeben, als andere in ihrem ganzen Leben verdienen. Ich muss dann auch darauf hinweisen, dass 10% der Weltbevölkerung 90% des Geldes besitzen. Das Staaten bis zu einem Drittel ihres Haushaltes für Militär ausgeben und Kriege führen, die zigtausende Todesopfer fordern. Oh ja, ich müsste ihm soviel erklären.

Heute stelle ich mich schützend vor meine Kinder und halte die Grausamkeiten dieser Welt von ihnen fern, indem ich ihnen einen tollen und friedlichen Abend ermögliche. Dazu gehört selbstverständlich auch das Feuerwerk und Knallerei. Und ist in meinen Augen damit jeden ausgegebenen Cent wert!

Guten Rutsch!

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