Doktor FreakOuts Sprechstunde

Alle Kassen, mit Ausnahme der gesetzlichen.

Geistiges Eigentum

Meg

„Um Twitter zu verstehen, musst Du twittern.“

Mehr muss man an sich nicht wissen. Sagt man.
Und dann kommt es doch ein wenig anders.

Am 18.12.2013 habe ich mich bei Twitter angemeldet. Es war mein 3. Versuch mich mit diesem Netzwerk anzufreunden. Der Grund? Rein beruflich.

Meinen ersten Tweet gibt es nicht mehr, den habe ich längst gelöscht, als ich erfahren habe, dass man ihn ganz einfach mit

https://discover.twitter.com/first-tweet#meg_gyver

rausfinden kann. Der jetzige „Erste“ ist auch kein Knaller, aber zumindest nichts, wofür ich mich schämen müsste.

Die erste Zeit verbrachte ich damit, dass ich las. Ich suchte nach Freunden und Bekannten – ein Anfänger-Fehler 😉 – und hangelte mich über deren Follower und Twitterer, denen sie folgten immer weiter und tiefer in das Dickicht dieser Welt, die weltweit als „Kurznachrichten-Netzwerk“ gilt.
Ihr kennt sicher diese tollen Geschichten, in denen Menschen Twitter ihr Leben verdanken, weil sie rechtzeitig vor dem nahenden…

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MadeByTwitter – Licht und Schatten eines Kurznachrichtendienstes

Auf Twitter wurde die Tage mal wieder eine Sau durch die Gassen getrieben. Nein, Moment! Eigentlich waren es zwei Säue. Doch eines nach dem anderen.

Fangen wir mit der ersten “Sau” an.

Der geschätzte @Moltroff , seines Zeichens engagierter Twitterer, setzte sich an die Spitze einer Bewegung, die sich gegen die Veröffentlichung des Buches “Ich brauche einen neuen Wecker. Meiner klingelt immer, während ich schlafe: Sprüche, die dir den Tag retten” aus dem Riva-Verlag richtete. Veröffentlicht wurde das Buch durch die Made my Day GmbH, die allseits bekannt ist von der Facebook-Seite “Made My Day”, welche mittlerweile an die 2,5 Millionen “Follower” hat und dadurch glänzt, dass sie nahezu ausschließlich Tweets von Twitter kopiert und diese ohne Angabe der Quelle oder des Verfassers veröffentlicht.

Details und Einzelheiten mag man dem ausführlichen Blog http://moltroff.wordpress.com/2014/12/10/gedankenhehlerei-2-0-copy-my-day/ entnehmen. Da steht alles drin, was man zu dem Fall wissen muss.

Mein persönlicher Beitrag zu dieser Treibjagd durch das Internet und die Untiefen des Urheberrechts war lediglich die Veröffentlichung einer negativen Rezension auf der Verkaufsseite von Amazon sowie der Hashtag #madebytwitter , unter dem sich fortan Gleichgesinnte im Kampf gegen den dreisten und kommerziellen Tweetklau organisieren konnten. Ansonsten zog ich mich aus dieser Angelegenheit weitestgehend zurück.

Nun, man darf und muss dem Moltroff hier an dieser Stelle gratulieren. Mit fast schon an Fanatismus grenzenden Beharrlichkeit hat er es geschafft, dass die Produktion und der Vertrieb des Buches seitens des Riva-Verlages eingestellt wurde. Auf Amazon wird das Buch nicht mehr gelistet.

In der Sache habe ich Moltroff immer unterstützt. Ich war und bin dagegen, dass jemand wie ein Alex J. Bitschnau, der Geschäftsführer der Made My Day GmbH, mit einem lächerlichen geringen Aufwand die geistigen Leistungen Dritter in bare Münze verwandelt, ohne die Urheber daran finanziell zu beteiligen. Der damit erwirtschaftete Betrag dürfte nicht allzu gering sein. Es kursieren im Netz Vermutungen, das Herr Bitschnau monatlich mindestens einen fünfstelligen Eurobetrag alleine nur durch Werbeeinnahmen umsetzt. Er ist dabei noch nicht einmal, oder vielleicht gerade deswegen bereit, eine simple Quellenangabe unter die Sprüchebildchen zu setzen und gibt sie damit schlicht als seine eigene Leistung aus. Und alleine das verstösst gegen die einfachsten Regeln von Anstand und Moral. Und eben auch in vielen Fällen gegen das geltende Urheberrecht.

Doch kommen wir zur zweiten “Sau”.

Inmitten dieses epischen Kampfes “David von Twitter” gegen den Goliath der Sprüchebildchen fing die Lichtgestalt Moltroff an zu flackern. Grund waren mehrere Tweets von @Jedi_am_Mittag , die den Moltroff schlicht des Tweetklaus beschuldigten.

In diesem, von mir retweetet, wie auch in sechs weiteren Tweets listete @Jedi_am_Mittag Tweets auf, die der Moltroff augenscheinlich bei anderen Twitterern “geklaut” hat. Ich habe das selber nachgeprüft und die Vorwürfe waren soweit ich das beurteilen konnte valide. Allerdings war es mir natürlich nicht möglich zu eruieren, ob die vermeintlichen “Urheber” der Tweets diese nicht auch irgendwo kopiert haben, sei es bei anderen Twitterern oder irgendwo im weltweiten Internetz.

Ich war im ersten Moment sprachlos. Und ich war wütend. “Das darf doch wohl nicht wahr sein!” waren meine ersten Gedanken. Aus dieser anfänglichen Verärgerung resultierte auch der Retweet. Danach ließ ich die Sache erstmal auf sich ruhen. Gestern beschloss ich dann, den Moltroff einfach mal anzuschreiben und ganz persönlich um eine Stellungnahme zu bitten.

Und stellte fest, dass er mich geblockt hat. Aha. Der getroffene Maulwurf.

Schnell war klar: Ich war nicht der Einzige. Und er hatte in der Zwischenzeit auch alle verfänglichen Tweets gelöscht. Eine reine Weste dank dem Einsatz von hochkonzentrierter Chlorbleiche? Die Vorgehensweise mutet fast schon totalitär an. Kritiker mundtot machen, Beweise vernichten und sich von gutgläubigen Anhängern feiern lassen. Sowas kennt man sonst nur von prominenten Personen der aktuellen Zeitgeschichte. Exemplarisch sei hier der türkische Präsident Erdogan als einer von vielen  genannt.

Da befinde ich mich nun, und vielleicht geht es ja dem einen oder anderen Leser ähnlich, in einer echten Zwickmühle der moralischen Art. Auf der einen Seite bewundere ich das Vorgehen Moltroffs und seine beachtlichen Erfolge gegenüber der Made My Day GmbH und möchte diese nicht schmälern. Auf der anderen Seite verurteile ich seine eigene Tweetklauerei und vor allem sein Vorgehen gegenüber Kritikern seit der Aufdeckung derselbigen. Ich lasse mich dazu hinreissen, es nur ungeschickt zu nennen. Und ich habe mich vor allem gefragt: Warum klaut der Moltroff Tweets, geht aber auf der anderen Seite so vehement gegen Tweethehlerei vor? Das macht doch überhaupt keinen Sinn.

Da kam mir in den Sinn, dass er womöglich diese Tweets gar nicht wissentlich geklaut hat. Eventuell hat er dieses Sprüche bei derselben dritten Quelle gemopst wie der vermeintliche Urheber der Sprüche. Möglicherweise ist der Sprücheklau verbreiteter als man denkt. Das Internet ist voll von Sprüche- und Witzeseiten und in den wenigsten Fällen wird der Urheber eines Spruches oder Witzes genannt. Ich vermute aus dem Grund, dass er schlicht nicht bekannt ist. Wer kennt schon die Verfasser all der ganzen “Mein Name ist Hase”-Witze oder der Ostfriesen-Witze oder…oder…oder. Ich kann mir gut vorstellen, wie das läuft, wenn man mit einem guten Tweet glänzen will, die Muse aber gerade ihre Tage hat und unwillig ist, einem den Zungenkuss der Kreativität zu geben.

Ich habe nämlich schon selber Sprüche geklaut und werfe nun den ersten Stein:

Den zum Beispiel hat mir ein Kumpel erzählt:

Den hier habe ich auf einer Witzeseite geklaut:

Das sind nur zwei Beispiele, die mir spontan eingefallen sind. ich lade sie alle ein, selber nachzuforschen, ob sich unter den knapp 29K Tweets nicht noch weiteres Plagiat findet.

Der Moltroff hat fatalerweise das getan, was Maulwürfe am besten können: Er hat sich vergraben und nicht den Dialog gesucht. Er ist unglücklicherweise nicht offen mit seinen Fehltritten umgegangen. Dies hat bei den Followern zu dem unvermeidlichen Eindruck geführt, er habe was zu verbergen. Das ganze Gute, dass er vollbracht hat, hat ein gewisses “Geschmäckle'” bekommen. Viele Follower haben in der Folge ihre Unterstützung für die sinnvolle Aktion eingestellt. Leider.

Wir sind uns sicherlich alle einig, dass das die schlechteste aller Strategien in so einer Situation ist. Besser wäre es in so einem Fall, die Verfehlungen einzugestehen und idealerweise sogar die Gründe zu benennen. Jeder Mensch macht Fehler. Offenheit gegenüber den eigenen Vergehen ist meist die beste Strategie, den Kritikern und Hatern rasch den Wind aus den Segeln zu nehmen und die raue See wieder zu beruhigen.

Ich kann nur für mich ganz persönlich sprechen: Meiner Ansicht nach ist es noch nicht zu spät, den Dialog zu suchen und offen auf die Kritiker zuzugehen. Ich bin mir sicher, es würde sehr positiv aufgenommen werden.

Wenn einer eine Reise tut

Liebe Gemeinde!

Am letzten Freitag war ich ein bisschen unterwegs in Deutschland, genauer war ich in Hamburg und im weiteren Verlauf in Hannover. In Hamburg war ich nur kurz auf Stippvisite, da ich ein wichtiges Dokument persönlich übergeben musste. Später war ich dann in Hannover, einen Freund besuchen und mit ihm gemeinsam auf das Maschseefest gehen. Am nächsten Tag ging es dann zurück nach Bielefeld.

Klingt ja erstmal nicht so spannend, doch das interessante an dieser Rundreise war, dass ich mit drei verschiedenen Reisemitteln unterwegs war: Für die Hinfahrt nach Hamburg wählte ich Blablacar, eine Mitfahrzentrale. Für die Fahrt von Hamburg nach Hannover benutzte ich die Deutsche Bahn. Und für die Rückfahrt von Hannover nach Bielefeld holte ich mir ein Fernbusticket von MeinFernbus. Ich hatte also die Gelegenheit, drei verschiedene Reisemethoden binnen 24 Stunden zu testen und direkt die Vor- und Nachteile zu erfahren. An dieser Erfahrung möchte ich euch teilhaben lassen.

Die Hinfahrt

Blablacar ist eine klassische Mitfahrzentrale im Netz und als App. Man meldet sich an und kann dann eine Suche eingeben (Start – Ziel) oder eine eigene Fahrt anbieten. Preislich bewegt sich das ganze um 5-15 Euro pro Fahrt, je nach Länge der Strecke und Zahl der Mitfahrer. Für die Fahrt von Bielefeld nach Hamburg sollte ich 13 € bezahlen bei 3 Mitfahrern. Die Kontaktaufnahme erfolgt in aller Regel via SMS oder mittels der internen Messagingfunktion. Man kann auch anrufen. Egal wie, Fahrer und Mitfahrer kommen in Kontakt und besprechen die Details. Alles ganz easy. 

Ich hatte Tamara (Name durch mich geändert) kontaktiert, sie bot eine Fahrt nach HH feil und der Abfahrtszeitpunkt war ideal. Schnell waren die 3 Plätze ausgebucht. Tamara kam dann noch auf die Idee, eine 4. Mitfahrerin kurzerhand mitzunehmen und fragte in die Runde, ob das ok sei. Der Preis vergünstigte sich dadurch um einen Euro. Nun ja, so ging es dann auf der Rückband recht kuschelig zu, was aber kein Problem war, weil ich neben zwei recht attraktiven jungen Damen Platz nehmen durfte. Think positive! 

Wenn man über eine Mitfahrzentrale bucht, muss man Individualist und stets auf Überraschungen gefasst sein. Und das ist gar nicht unbedingt negativ gemeint. Man weiss einfach nicht, mit wem man die nächsten Stunden auf engstem Raum die Zeit verbringen wird. Das kann, wie in meinem Fall, sehr interessant sein.

Meine Mitfahrer waren: Eine Waldorfschülerin, eine polnische Englischlehrerin und ein leidenschaftlicher Fussball-Fan. Tamara selber rückte nicht so recht mit der Sprache raus, was sie beruflich macht. Kann ich verstehen, muss ja auch nicht sein. Ich habe den Anwesenden auch nicht auf die Nase gebunden, das ich Arzt bin. Das Auto war ein neuerer VW Golf mit, dem Herr sei es gedankt, Klimaanlage. Bei 5 Personen im Auto und sommerlichen Außentemperaturen ein echter Segen. 

Die Fahrt ging los und man kam schnell ins Gespräch. Jeder erzählte so ein bisschen was von sich und warum er nach HH fährt. Die Themen gingen über die ganze 5 stündige (!) Fahrt nicht aus. Nach insgesamt 6 Staus und 2 Zwischenstopps waren alle ziemlich am Ende und genervt über den freitäglichen Berufs-/Reiseverkehr, aber Tamara verstand es perfekt, mit einem Mix aus guter Musik, selbst performter Karaoke und Unmenge Humor und guter Laune die Stimmung nie kippen zu lassen. Phasenweise sangen alle lauthals im Auto mit. Somit war die Fahrt recht vergnüglich und kurzweilig und man kam entspannt in Hamburg an. 

Der Zwischenspurt

Ursprünglich hatte ich mir auch eine Mitfahrgelegenheit von Hamburg nach Hannover ab 17 Uhr organisiert, da aber die Hinfahrt staubedingt deutlich länger dauerte und ich auch in Hamburg selber etwas unterwegs war, musste ich diese leider canceln. Da ich aber auch nicht mitten in der Nacht in Hannover ankommen wollte, entschloss ich mich kurzerhand, mit der Bahn zu fahren. Die Fahrt sollte ab Hamburg-Altona gehen und es ist natürlich illusorisch, so knapp vor Fahrtantritt ein Sparticket zu bekommen. Also bleibt schlicht das Normalpreis Ticket für 34,50 € (25% Ermäßigung wegen Bahncard 25). Die Bahn hat im Laufe der Jahre ein undurchdringlichen Dschungel an Tarifen und Preisen und Zonen geschaffen der, wie ich gestehen muss, zu meiner Verunsicherung maßgeblich beigetragen hat. Ich fragte mich, ob ich mit dem Ticket nun in jeden Zug steigen kann oder nur in bestimmte. Diese Frage kann mir sicherlich die Zugbegleitung kompetent und schnell beantworten, dachte ich mir in meinem naiven Köpfchen.

Der ICE rollte um 18:47 Uhr ein und ich stieg gemeinsam mit zwei Zugbegleiterinnen ein. Eine junge blonde Zugbegleiterin vor mir schloss im Bistro eine Tür auf, als ich sie freundlich fragte, ob sie mir kurz eine Frage beantworten könne. 

“Nein!”

Sie drehte sich wieder weg und scheinbar war die Angelegenheit damit für sie erledigt. Verdutzt stand ich da, spürte den kalten Hauch der Ignoranz, der von der Dame ausging und war erstmal sprachlos. Ich blieb einfach stehen und starrte sie wortlos an. Nach quälend langen Sekunden der Peinlichkeit wendete sie sich mir nun doch zu und fügte an:”Ich arbeite nur im Bistro. Ich kann ihre Fragen nicht beantworten. Fragen sie bitte einen Zugbegleiter.”

Nun weiss der routinierte Zugfahrer, das die Dienstbekleidung der Zugbegleiter und der Servicemitarbeiter sich nur in winzigen Nuancen voneinander unterscheidet. So musste ich mir später via Twitter erklären lassen, die Zugbegleiter erkenne man an den drei roten Streifen am Ärmel des Dienstblazers. Ich wusste das nicht und hatte in meiner unerträglichen Naivität die falsche Person mit meiner Frage belästigt. Mea culpa, Deutsche Bahn!

Die zuständige Zugbegleiterin konnte mich dann beruhigen: Mein Ticket war gültig und meine Mitfahrt gestattet. Ich nahm Platz und war ca. 2 Stunden später in Hannover. Der Sitzplatz war genauso beengt wie in dem PKW. Mein Sitznachbar schnarchte die meiste Zeit oder aß geräuschvoll Snickers, deren Erdnussreste er sich anschließend mit den Fingern wieder aus den Zahnlücken pulte. Die Klimaanlage funktionierte wenigstens. Ein Servicewagen kam durch und verkaufte Getränke und Snacks zu Apothekenpreisen. Das WLAN funktionierte, wie immer nicht. Das hat es um ehrlich zu sein noch nie. Man kann sich zwar problemlos einwählen, aber Verbindung ins Netz bekommt man damit nicht. Ein scheinbar unlösbares Problem, das die Bahn schon seit Jahren hat. Ich persönlich kenne jedenfalls niemanden, der schon einmal über das Bord-WLAN der Bahn ins Internet gekommen ist. 

Die Rückfahrt

Am Samstag vormittag ging es Richtung Heimat. Ich hatte, und das war der Knüller, ein Fernbusticket für 5 (!) € ergattert. Billiger kommt man nicht durch Deutschland. Das Ticket kauft man bequem im Netz oder via App und kann es beim Fahrer auch digital vorzeigen. 30 Minuten vor dem eigentlichen Abfahrtszeitpunkt bekam ich eine SMS, die Abfahrt verzögere sich verkehrsbedingt um 20 Minuten. Das kam dann auch genau hin. Praktisches Feature. Der Bus kam an und einige Fahrgäste stiegen aus. Dann hat der Busfahrer die Zusteigenden kontrolliert. Mittels App auf seinem Smartphone. Man sagt einfach seinen Namen, er setzt ein Häkchen, fertig. Willkommen an Bord. Eine Mitreisende hat ihr Ticket vergessen – kein Problem. Sie stand auf der Liste, somit konnte sie mitfahren. Simpel, effektiv, kundenfreundlich. 

Kaum an Bord, fiel mir auf, wie bequem man sitzt und das man nicht weniger Platz als im ICE hat. An jedem Zweiersitz gab es eine Steckdose zum Laden der Mobile Devices. Ich war entzückt. Es werden 2 WLAN-Netze zur Verfügung gestellt, die auch während der Fahrt die meiste Zeit problemlos funktionieren und das bequeme Surfen ermöglichen. Vorne kann man sich auch während der Fahrt Getränke und Snacks holen, ohne den Fahrer abzulenken. Es ist, einschließlich des Bezahlvorganges, Selbstbedienung angesagt. Die Preise sind zivil, Softdrinks und Bier für 1,50 €, Snacks für einen Euro und damit deutlich günstiger als bei der Bahn. Der Fahrkomfort ist super. Sanft schaukelt der Reisebus durch die Landschaft und man kann entspannt die Aussicht geniessen, ein Nickerchen machen oder im Netz surfen. Perfekt!

Das Resümee 

Blablacar: Der höchste Spassfaktor, die längste Fahrtzeit, günstiger Preis. Man lernt die verschiedensten Menschen kennen. Es muss einem klar sein, dass man vorher nicht weiss, was man kriegt. Taugt das Auto oder ist es eine Rostlaube? Ist der / die Fahrer(in) routiniert und sicher oder muss man sich die ganze Zeit am Haltegriff festklammern? Wie sind die Mitfahrer(innen)? Welche Musik wird gespielt? Man muss auf alles eingestellt sein und ggf. die Zähne zusammenbeissen, wenn die eigenen Erwartungen mal nicht erfüllt werden. 

Deutsche Bahn: Das schnellste Verkehrsmittel. Das teuerste Verkehrsmittel. Der mieseste Service. Man merkt einfach immer noch zu sehr, dass es sich um einen ehemaligen Staatsbetrieb handelt. Da muss sich in den Köpfen der Mitarbeiter und des Managements noch viel ändern. Man möchte stets Premium sein, erreicht aber im Durchschnitt allenfalls Economy. 

MeinFernbus: Mein persönlicher Favorit. Unschlagbar günstiger Preis. Super Service. Hoher Comfort. Und ein stetig wachsendes Liniennetz, das auch infrastrukturschwache Gebiete zuverlässig anbindet und den dort lebenden Menschen eine überaus günstige Reisemöglichkeit eröffnet. Die Deutsche Bahn weiss genau, warum sie diese Konkurrenz all die Jahre so erbittert bekämpft und behindert hat. Und auch die Ökobilanz kann sich sehen lassen: Der Reisebus ist nachweislich das umweltfreundlichste Verkehrsmittel. Weiter so!

 

 

 

Birgit Bach schreibt mir…

Es tut mir leid, aber ich muss mich gerade mal ein bisschen auskotzen. 

Vor einem Jahr habe ich in einem Anflug von extremen Fitness-Aktivismus, gespeist durch den täglichen Anblick meiner Plauze und beginnender Midlife-Crisis, eine Runtastic GOLD Mitgliedschaft abgeschlossen, um meine herausragende Performance beim Fahrradfahren und meine erwähnenswerten Gewichtsveränderungen minutiös dokumentieren und sie den gängigen sozialen Netzwerken sekundengenau mitteilen zu können. Ich wollte andere Gleichgesinnte motivieren, sie ins Licht einer verheissungsvollen Zukunft führen. Einer Zukunft in einem gestählten, gesunden Körper, der den Unbilden des Alterns lachend entgegenschreitet. 

Zwei oder drei Fahrradtouren später vergass ich nach 2-3 isotonischen Gerstenkaltschalen den heroischen Plan und gab mich wieder dem süssen Nichtstun hin. Alt werden kann man schliesslich auch komplett unfit und mit ostwestfälischer Pocke. 

Heute schrieb mir dann Birgit Bach. Birgit Bach arbeitet für die Firma runtastic GmbH mit Sitz im schönen Linz / Austria. 

 

Birgit glaubt an mich. Und sie ist stolz, dass ich ein GOLD Mitglied bin. Doch leider ist was schief gelaufen: Die Bank hat meinen Mitgliedsbeitrag zurückgebucht. Und nun steht der stolze Beitrag von 49,90 Euro offen. Ich möge mich doch bitte kümmern.

Mir wäre vor Schreck fast das morgendliche Paderborner aus der Hand gefallen. Was ist passiert?

Nun, runstastic hat ein ganzes Jahr nix von mir gehört und mir wöchentlich LEERE runtastic Aktivitätsreports per Mail zugeschickt, die allesamt im Spamordner gelandet sind, zusammen mit Penis Enlargement Mails und diversen Erbbenachrichtigungen aus Nigeria und Kongo. Was ich nicht bekam, war eine Benachrichtigung darüber, dass mein Abo ganz bequem und völlig automatisch um ein ganzes beschissenes Jahr verlängert wird. Ich verstehe das. Man will seine Kunden ja auch nicht ständig mit Mails belästigen, schließlich haben die besseres zu tun. Fahrradfahren zum Beispiel.

Nun ist meine Kreditkarte mittlerweile implodiert und Paypal hat vergeblich versucht, diese mit 49,90 Euro zu belasten. Ich logge mich also nun bei runtastic GOLD ein und möchte die Sache aus der Welt schaffen. Genauer: Ich möchte die Dienste dieses Unternehmens nicht weiter in Anspruch nehmen, denn bislang gibt es noch keine runtastic App “Couch” oder “Bier”. Ich lande sofort auf der Seite, wo ich die neue Zahlungsmethode einstellen kann. Da will ich aber gar nicht hin. Schließlich will ich kündigen, nicht bezahlen. Ich zahle doch nichts für eine Leistung, die ich NULL KOMMA NULL in Anspruch nehme. Minutenlang quäle ich mich durch alle Menüs auf der Suche nach der Kündigungs-Option. Vergeblich. Also bemühe ich die Hilfe-Option. Dort finde ich den Hinweis, das man das Abo jederzeit mit einer Kündigungsfrist von 2 Wochen vor Ablauf der Laufzeit kündigen kann. Heisst: Ich bin zu spät und mein Abo endet am 12. August 2015. 

Mittlerweile habe ich so einen Hass auf diese automatischen Abo- und Vertragsverlängerungen. Das ist kein Kundenservice, das ist ausgemachte Affenscheisse und eine einzige dreiste Abzocke. Service wäre es, wenn man nach Ablauf der Laufzeit freundlich gefragt wird, ob man zufrieden ist mit der Leistung des Vertragspartners und ob man sich eventuell vorstellen kann, diese Partnerschaft auch zukünftig weiter fortzuführen. Die wollen was von mir und zwar, das ich Kunde bleibe. Und um diese Leistung muss man kämpfen. Man muss den Kunden stetig umwerben, ihn von dem Angebot überzeugen. Und ihn nicht in eine Abofalle locken. Dahinter steckt doch ganz klares Kalkül: Ein Großteil der Kunden vergisst schlicht dieses Abo und bemerkt den teuren Fehler erst, wenn die neue Jahresgebühr abgebucht wurde. Dann loggt man sich wutschnaubend ein und kündigt verärgert. Doch da ist es schon zu spät und das Unternehmen hat ein weiteres Jahr kassiert.  Ich nenne es mal den Fitnessstudio-Effekt. 

Dabei begeht das Unternehmen einen kolossalen Fehler: Es vergrault potentielle oder ehemalige Kunden für alle Zeit. Kunden, die man eventuell längerfristig binden könnte, mit neuen und besseren Angeboten. Doch Kunden wie ich werden nicht wiederkommen. Ich lasse mich nur einmal verarschen. Ja genau, dieser Pseudo-Service “Automatische Vertragsverlängerung” ist reine Verarsche und eine Beleidigung an alle, die Kundenservice und -freundlichkeit noch gross schreiben. 

Bye bye Runtastic!

Bye bye Birgit Bach!

 

 

 

Hassliebe

Ich Vollidiot dachte ernsthaft, ich könnte ewig so weitermachen. Könnte bis zur Rente 200% geben. Jeden Tag. Dort draussen, in fremden Wohnungen, in U-Bahnstationen, auf einsamen Landstraßen, Tag und Nacht, im Sommer und im Winter. Nötige Einsätze, lebensrettende Einsätze, schlimme Einsätze, unnötige Einsätze. All diese Bilder, das Leiden der Betroffenen. Immer müde, immer am Limit. Der Stress. Der Ärger über inkompetente Kollegen. Die Auseinandersetzungen. All das Gerede. Dazu noch die ganze Politik. Und ständig die Diskussionen mit den aufnehmenden Kollegen in den Zielkliniken. “Gibt es kein anderes Krankenhaus?”. Dabei die eigenen Grenzen ständig überschritten, sie noch nichtmal erkannt. Ich wollte sie nicht erkennen.

Ich habe es so verdammt geliebt.

Das war ich.

Und jetzt hasse ich es.

Ich bin in der Luft. Die Maschine trudelt. Die Elektronik spinnt. Die Navigation ist ausgefallen. Alles blinkt und piept, ein greller Alarmton schrillt unaufhörlich. Mayday! Schwerer Ausnahmefehler! Ich muss die Kiste irgendwie zu Boden kriegen. Dabei wird die nicht heile bleiben, dass ist sicher. Die fliegt hinterher nicht mehr. Aber alles besser als der unkontrollierte Absturz, der Crash ohne Überlebende.

Noch bin ich in der Luft. Die Maschine dreht sich um sich selbst. Immer schneller. Ich habe Angst. Ich will noch nicht gehen. Fest umklammere ich den Steuerknüppel, stabilisiere die Maschine. Ich werde kämpfen. Und ich werde anschließend wieder in eine Maschine steigen. Ich werde wieder fliegen.

Aber es wird eine ganz andere sein.

Vorurteile

Mein Sohn kommt nach den Sommerferien in die 5. Klasse und damit auch in eine neue Schule. Vor einigen Tagen gab es dort nun eine mehrstündige Infoveranstaltung. Schüler und Eltern waren eingeladen worden, um die neuen Klassenlehrer kennenzulernen und um wichtige grundsätzliche Infos mit auf den Weg zu bekommen.

Zu Beginn wurden die Schüler in ihre neuen Klassen eingeteilt und verschwanden danach für ca. 2 Stunden in ihren neuen Klassenräumen.

Ich stand ganz hinten in der dortigen Aula und beobachtete das Geschehen. Sofort fiel der extrem hohe Ausländeranteil von weit über 95% auf. Die Schulleiterin lass mühevoll die einzelnen, für mitteleuropäische Stimmbänder zum Teil unaussprechlichen Namen vor. Mein erster Gedanke war sofort:”Na prima, das kann ja was werden!”. Wir wussten wohl, dass der Ausländeranteil aufgrund der Schullage hoch sein würde. Das aber in der 5. Klasse gerade mal eine Handvoll deutscher Schüler sein würde, das erstaunte mich doch etwas. Ich gestehe, der Gedanke gefiel mir nicht. Sofort keimten diverse von Vorurteilen behaftet Gedanken auf. Schleppender Unterricht aufgrund der vielen Sprachbarrieren. Kriminalität und Gewalt. Interkulturelle Probleme. Diffuse Befürchtungen, viele in diversen Rettungsdiensteinsätzen in sozialen Brennpunkten begründet. Ich ging mir mit all diesen konservativen Vorurteilen selber auf den Keks. Nie habe ich mich deutscher gefühlt als in dem Moment.

Wir hatten uns die Schule bewusst ausgesucht, weil es sich um eine Gesamtschule nach dem Modell NRW handelt. Insbesondere die flexiblen Wechselmöglichkeiten zwischen den Schulformen sprach uns an. Wir wissen noch nicht genau, wohin unser Sohn sich schulisch entwickelt und wollten ihm alle Möglichkeiten offen halten und ihn nicht zu sehr unter Druck setzen. Er sollte einfach noch länger die Wahl haben. Einen hohen Ausländeranteil sahen wir nie als Problem. Im Gegenteil, die frühe Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Kulturen und Gepflogenheiten sollte aus ihm eher einen toleranten, einen kosmopolitischen Menschen machen. Bereits jetzt sind fast alle seine Freunde Immigranten.

Doch was, wenn er eine absolute Minderheit ist? Kann das gut gehen?

Irgendwann war Pause und in der Eingangshalle der Schule wurden Getränke und Gebäck gereicht. Ich holte mir einen Kaffee und ließ die Blicke schweifen. Babylonisches Sprachengewirr umhüllte mich akustisch. Es waren mindestens 20-30 verschiedene Nationen in diesem Raum vertreten. Und um so länger ich mich dort aufhielt und die Szenerie auf mich wirken ließ, um so geringer wurden die Unterschiede. Stück für Stück zog ich meinen Schutzschild auf Vorurteilen zurück, entspannte mich mehr und mehr. Ich kam mit einigen Eltern ins Gespräch. Fast alle sprachen fliessend Deutsch, waren freundlich und aufgeschlossen. Es wurde viel gelacht, die Stimmung war gelöst. Plötzlich fand ich meine Gedanken von vor einer halben Stunde ziemlich idiotisch. Ich schämte mich fast dafür. Und während ich diese Gedanken hier niederschreibe, erinnere ich mich an meine erste Klasse in der Grundschule: Wir waren ca. 20 Kinder, fast nur deutsche und einige wenige türkische Kinder. An einem Tisch sassen 3 türkische Mädchen. Wenn man den Unterricht gestört hatte, und das tat ich verdammt oft, wurde man strafweise umgesetzt. Grundsätzlich an den Tisch mit den türkischen Mädchen. Das war für mich damals die höchste Pein. Mädchen. Türkinnen. Fremde. Ich hielt es kaum aus. Die waren so anders. Man sah es ihnen an. Und ich musste mit denen an einem Tisch sitzen. Grausam.

Heute muss ich darüber lächeln. Und mich ein bisschen wundern, wie das überhaupt zustande kam. Scheinbar ist die Angst vor dem Fremden, vor dem Anderssein eine Grundveranlagung des Menschen. Die einzige Möglichkeit, dem zu begegnen, ist die positive Konditionierung von Kindheit an. Wenn ich mir meinen Sohn angucke, wie völlig unbeschwert und sicher er sich innerhalb all dieser Kulturen bewegt, bewundere ich ihn dafür. Ihn an einen Tisch mit drei türkischen Mädchen zu setzen, stellt für ihn keine Bestrafung dar. Im Gegenteil, vermutlich ist er sowieso in eine von denen verknallt.

Der Mensch ist auch ein Gewohnheitstier. Wir gewöhnen uns mit der Zeit an alles. Ich habe sehr gute Freunde, die eine Sehbehinderung haben. Diese Behinderung ist augenscheinlich – für andere. Ich kenne die mittlerweile so gut und so lange, dass ich die meiste Zeit vergesse, dass sie diese Behinderung haben. Ich nehme es gar nicht mehr wahr. Immer wieder kommt es vor, dass ich daran erinnert werden muss in bestimmten Situationen.

Ein anderer Freund stottert. Ziemlich ausgeprägt. Es hat nur wenige Tage gedauert, da habe ich es nicht mehr bemerkt. Es ist normal geworden. So redet der eben. Ist was?

Genauso ist es auch mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen. Am Anfang nimmt man sehr stark die Unterschiede wahr. Doch sehr schnell verblassen diese Unterschiede und man nimmt verstärkt die Gemeinsamkeiten wahr. Man nähert sich an. Mensch sein ist der gemeinsame Nenner. Da gibt es keinen Unterschied. Die Unterschiede bestehen nur in unserer individuellen Wahrnehmung, in unserer Prägung von klein auf an. Menschen betonen stets ihre kulturellen Wurzeln, ihre Identität. Doch diese macht doch eigentlich erst im Kontext zu all den anderen reichhaltigen Kulturen weltweit Sinn. Die Vielfalt ist unser grösstes Potential auf diesem Planeten.

Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft und wir sind ein Einwanderungsland. Wir brauchen Einwanderer. Wir müssen lernen, unseren Platz in dieser Gesellschaft zu finden und mit all diesen Menschen zu leben, die auch ihren Platz finden müssen. Einen gemeinsamen Nenner zu finden. Die Gemeinsamkeiten rausarbeiten. Die Stärken und Talente fördern statt die Schwächen zu betonen.

Hier möchte ich euch noch einen passenden Filmbeitrag von ZDF Neo ans Herz legen:

ZDF Neo: Der Rassist in uns

Die Wut

“Die Wut (in gehobener Sprache auch lateinisch Furor oder französisch Rage) ist eine sehr heftige Emotion und häufig eine impulsive und aggressive Reaktion (Affekt), ausgelöst durch eine als unangenehm empfundene Situation oder Bemerkung, z. B. eine Kränkung. Wut ist heftiger als der Ärger und schwerer zu beherrschen als der Zorn. Wer häufig in Wut gerät, gilt als Wüterich. Implizit ist damit ausgesagt: Wer leicht in Wut gerät, ist weniger gut imstande, sich selbst zu kontrollieren.” – Wikipedia

 

Das steht über Wut in Wikipedia. Und über Wut werde ich jetzt ein bisschen schreiben. Denn ich bin wütend. Auf mich. Auf mein Leben. Auf meine Mitmenschen. Auf meine Situation. Auf meinen Körper.

Im letzten Dreivierteljahr ist viel Mist passiert in meinem Leben. Ich habe gekämpft. Ich habe Dinge geregelt. Ich habe manches auch nicht geregelt bekommen. Ich habe Menschen die offene Wahrheit gesagt. Die Konfrontation gesucht. Den Bruch gesucht und gefunden. Ich habe geliebte Menschen verloren. Mir sind die Augen geöffnet worden. Ich habe vor manchem die Augen verschlossen. Ich habe viel Liebe gefunden. Ich weiss aber nicht, ob ich sie annehmen kann. Ich habe geliebte Menschen verletzt. Ich bin verletzt worden. Ich habe Heilung erfahren. Ich habe treue Freunde gefunden. Ich habe Freunde verloren. Ich habe mich selber verletzt. Jahrelang. Bemerkt und unbemerkt. Meinen Körper misshandelt. Anderen Menschen geholfen. Mich selber vergessen. Den Blick für das wesentliche verloren. 

Und am Ende bleibt…

…diese Wut.

Sie ist eine zerstörerische Energie. Heiss. Verzehrend. Verzerrend. Verlockend. Sie bietet mir mit zuckersüsser Stimme die Selbstbestrafung durch Zerstörung an. Sie bietet einen scheinbaren Ausweg. Sie schreit nach Vergeltung. Sie ruft zur Revolution auf. Sie droht allen. Sie bietet radikale Lösungen an. Sie offeriert endgültige Auswege aus der Krise. Sie stösst weg. Will alleine sein. Braucht keinen Verbündeten. Sie kommt und geht wann es ihr beliebt. Sie lässt sich nichts sagen. Lehnt jedwede Kritik ab. Sie lacht mich aus. 

Sie geht nicht weg.

Und ein kleines bisschen mag ich sie auch.

Meine Wut.

Die dunkle Seite der Macht

Seit einiger Zeit, um genauer zu sein seit ziemlich genau einem Monat spiele ich ein Spiel. So eines von diesen App-Spielen, die man sich im Appstore eines nicht näher genannten Smartphone-Devices Hersteller runterladen kann. In diesem Spiel geht es darum, eine Stadt in einem Königreich auszubauen, zu forschen, Truppen zu bauen, Ressourcen zu sammeln und so weiter und so fort. Gleichzeitig hat man einen Helden, der im Verlauf der Zeit besondere Fähigkeiten erwirbt, die der Entwicklung der Stadt oder der Kampfkraft der Truppen zugute kommt. Jeder von euch kennt diese Spiele auf die eine oder andere Art. Bei dem Spiel handelt es sich um ein sogenanntes PvP-Spiel, übersetzt Player vs. Player. Man kann also auch andere angreifen, ihre Truppen verwunden oder gar töten sowie Ressourcen und wertvolle Gegenstände erbeuten. Man kann aber auch Nachrichten verschicken und in diplomatischen Kontakt treten. Und da man alleine meistens nicht so stark ist, kann man sich zu Allianzen zusammenschließen, wo bis zu maximal 100 Spieler gemeinsam dieses Spiel spielen. Man kann innerhalb der Allianz Ressourcen tauschen, gemeinsame Angriffe gegen andere feindliche Spieler durchführen oder Verstärkungstruppen schicken, wenn ein Alliierter angegriffen wird. Eine Allianz wiederum kann das sogenannte Weltwunder in der Mitte des Königreiches erobern und wird damit zur herrschenden Allianz mit dem Allianzführer als König, was wiederum einige Vorteile freischaltet.

Dieses Spiel hat eine Besonderheit, die ich explizit erwähnen muss: Es handelt sich um ein Pay-to-win Spiel. Ich erkläre das kurz mal: Wenn man baut und forscht und das alles, wird man rasch besser und erreicht höhere Level, die wiederum bessere Forschungen, Bauten und das alles freischalten. Bauen & Co. kostet Zeit. Umso höher die Stufe einer Forschung oder eines Gebäudes, umso länger dauert es. In den höheren Stufen teils tagelang. Es sei denn, man erwirbt als In-App Kauf Gold. Mit diesem Gold kann man sich vielerlei Vorteile wie Zeitbeschleunigungen etc. kaufen, um schneller vorwärts zu kommen. Und das ist nicht billig, im Gegenteil.

Jetzt gibt es in meinem Königreich einige Spieler, die ganz augenscheinlich über sehr viel Geld verfügen bzw. dieses in das Spiel investieren, um sehr schnell zu wachsen und nach Möglichkeit direkt zu Beginn das Weltwunder zu erobern. Diese Spieler hatten bereits nach wenigen Tagen das höchste Level erreicht und besetzen mit ihrer Allianz seitdem das Weltwunder und regieren somit über das Königreich. Nur grob überschlagen müssen diese Spieler tausende, wenn nicht gar zehntausende an Euro investiert haben, um dieses Spielniveau zu erreichen.

Diese Spieler mit ihrer innerhalb dieses Spiels nahezu unerreichbaren Macht haben Allianzen gegründet und gepusht und dominieren nun mit einem guten dutzend Schwesterallianzen und einigen hundert Mitstreitern dieses Königreich nach Belieben. 

Ich bin ein Mitglied dieser dominanten Allianzen.

Das war indes nicht immer der Fall. Zu Beginn hatte ich kaum Ahnung und dümpelte in einer sehr mittelmässigen Allianz rum. Ich investierte kaum in Gold, sondern versucht ohne dessen Hilfe zu wachsen. Das gelang mehr schlecht als recht und ich muss es eigentlich nicht extra erwähnen, dass ich (wir) natürlich regelmässig von den herrschenden Allianzen auf die Mütze bekamen. Das teilweise so oft, dass die Spielfreude dadurch recht getrübt wurde, weil man schier nie eine Chance gegen diese Übermacht hatte. Irgendwann zerstritten wir uns und ich trat entnervt aus der Allianz aus. Und aus einem Gedanken des Trotzes heraus bewarb ich mich bei den Herrschenden und wurde aufgenommen. 

Und das änderte alles.

Plötzlich musste ich keine Angst mehr haben. Keine Angst mehr vor nächtlichen Überfällen auf meine Stadt oder auf meine Truppen, die friedlich auf einem Ressourcenfeld sammelten. Keine Drohungen mehr, keine Feldzüge. Der Allianz-Tag in meinem Namen reichte völlig aus, um jegliches Ungemach von mir fern zu halten. Andere gegnerische Spieler begegneten mir mit Ehrfurcht. Oder mit Hass, je nachdem, welche Erfahrungen sie im Vorfeld mit uns gemacht hatten. 

Ich fand mich rasch zurecht und wuchs schnell. Um mithalten und den gestellten Anforderungen gerecht werden zu können investierte ich auch den einen oder anderen Euro in Gold. Das erschien mir plötzlich völlig sinnhaft für ein Spiel ohne ständige Angst. Ich fühlte mich immer mächtiger und reagierte auf kleinste Provokationen gegnerischer Spieler mit aller Härte. Kam ich alleine nicht klar, waren sofort andere meiner Allianz zur Stelle und gemeinsam wurde der Feind mit brutaler Härte “genullt”, wie es die Allianzführer gerne nannten, was nicht anderes bedeutet, dass man solange drauf haut, bis der andere keinen einzigen Soldaten mehr hat. Wir wurden berühmt berüchtigt.

Nun liegt es in der Natur des Menschen, dass er immer mehr will. Im Rahmen sogenannter Kill-Events kann man Punkte für jeden getöteten oder verletzten gegnerischen Soldaten sammeln und die stärksten Allianzen bekommen am Ende dieser meist dreitägigen Events stolze Gold-Preise. Somit wurde der Ton innerhalb der Allianz rasch rauer. Es gibt dort den Anführer. Dann gibt es Generäle. Dann Kommandanten. Jeder bekam im Laufe der Zeit Aufgaben zugeteilt. Membergruppen wurden gebildet und jeder bekam einen Ansprechpartner mit der Bitte, erst diesen bei Problemen etc. zu kontaktieren und nicht die Generäle oder gar den Führer selbst. Es wurden immer mehr und in immer kürzeren Abständen Zielvorgaben erlassen, die mit Deadlines versehen wurden. Mehr Punkte. Mehr Kills. Ständig droht der Rauswurf aus der Allianz. Und das will man ja auf jeden Fall vermeiden, denn dann wäre man ja wieder der Angst und der Unsicherheit ausgeliefert. Man wäre wieder ein “Niemand”. 

Letztes Wochenende war wieder eines dieser Kill-Events und verdammt ja, ich schlug mich gut. Ich tötete und metzelte was das Zeug hielt und war gegen Ende in der Top Ten der Allianz, was die Zahl der Kills betraf. Ich hatte eine ganz eigene Strategie entwickelt, Gegner auszuschalten und sie zu überraschen. Ich hatte meine eigenen Jagdgründe und jagte nur alleine. Effektiv. Tödlich. Ich fühlte mich gut, ich fühlte mich sicher. Meine Position innerhalb der Allianz? Mit den Ergebnissen sicherlich gefestigt. So dachte ich.

Nun kam die Mutterallianz, also die Könige dieser Welt auf einen genialen Gedanken: Warum sich die Mühe machen und Truppen losschicken, wenn man doch die Untergebenen anweisen kann, schwache und leicht zu tötende Truppen gegen sich schicken zu lassen, um so leicht und ohne Aufwand Kills zu bekommen? Gesagt – getan!

So erhielt ich und alle anderen per Mail die Order, es möge doch bitte bis zum Ende des Events ein jeder von uns einige tausend Truppen der niedrigsten Klasse ausbilden und diese dann gegen einen bestimmten Angehörigen der Königsklasse in den sicheren Tod schicken. 

Jetzt war ich zwar effektiv am töten, aber trotzdem hatte ich natürlich Verluste hinnehmen müssen und der Gedanke, jetzt auch noch Truppen für nichts und wieder nichts zu bauen, stank mir gewaltig. Es regte sich Widerstand und ich war nicht der Einzige. 

Doch Widerstand, der sich regt und Widerstand, der nach außen getragen wird, sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Es wurde zwar hinter vorgehaltener Hand gemurrt und geknurrt, doch rasch schwoll ein mächtiger, nie enden wollender Strom an angreifenden Truppen an, die von des Königs Hand im Akkord hingerichtet wurden. 

Wer mich nun kennt weiß, dass ich selten mein loses Mundwerk halten kann. Das hat mir auch schon oft so einige Probleme eingebracht, doch ich kann stets jeden Morgen aufrecht in den Spiegel schauen und muss den Blick nicht senken. Und schon mal gar nicht halte ich meinen Mund, wenn es um so was belangloses geht wie ein Browserspiel. Also trug es sich am gestrigen Abend wie folgt zu…

Ich erwähnte in dem Allianzchat, dass es mir derzeit aufgrund einiger Truppenverluste nicht so recht in den Kram passt, jetzt minderwertige Truppen auszubilden und diese zum König zu schicken. Ich ließ auch meine Topleistung nicht unerwähnt und sah das als ausreichende Entschuldigung dafür an, der geforderten Opfergabe an den König dieses Mal nicht nachzukommen. Sofort meldete sich der erste Bedenkenträger zu Wort und gab zu Protokoll, dass es nicht ganz so schlau wäre, dieses so offen zu erwähnen und das die Verantwortlichen der Allianz dieses vielleicht nicht so toll finden. Ich erwiderte, dass es einfach nicht logisch sei, Energie auf diese Abgabe zu verwenden und dabei das Ziel, dass Event und damit das Gold zu gewinnen aus den Augen zu verlieren. Die Diskussion ging ein wenig weiter und ich hatte für mich schon beschlossen, die Abgabe nicht zu leisten, als sich plötzlich und unvermittelt ein Kommandant zu Wort meldete, der sonst nie was sagt im Chat:

“Wenn du deine Abgabe nicht entrichtest und dem König die Ehre erweist, musst du damit rechnen, dass du genullt wirst.”

Und da war sie plötzlich, diese eisige harte Faust mitten in meinem Bauch. Kalt. Adrenalin. Mein Puls beschleunigte sich. Mein Bauch verkrampfte sich. Meine Gedanken rasten. Entgeistert starte ich auf den Bildschirm. Was hat er gesagt? Hat er mir gerade wirklich mit Exekution gedroht? Mit dem Rauswurf aus der Allianz? Trotz allem, was ich für die Allianz geleistet hatte? Nur weil ich meine freie Meinung geäußert habe? Ich war fassungslos. Ich wollte das alles nicht verlieren. Ich wollte nicht zurück in die Angst. Ich hatte doch soviel investiert. Hart verdientes, reales Geld. Minutenlang dachte ich nach, versuchte zu erfassen, was da gerade passiert ist. In einem verdammten Spiel, dass keine Bedeutung hat. Und dann verstand ich, was vor sich geht. 

Dieses Spiel ist ein perfekter Spiegel unserer Welt, unserer Gesellschaft. Menschen, die viel Geld (Gold) besitzen, haben Macht. Sie sind die Bestimmer. Sie machen die Regeln. Und sie fordern, dass du deinen Teil dazu beiträgst, dass ihre Macht immer grösser wird. Dafür geben sie dir ein bisschen das trügerische Gefühl von Macht. Es ist mehr eine Illusion von Freiheit, von Sicherheit, das Fernbleiben von (Existenz-)Angst. Eine Pseudomacht, die sie dir verleihen, aber auch jederzeit wieder wegnehmen können. Ein falsches Wort, eine unbedachte Entscheidung und du sitzt wieder draussen und hast nichts. Bist schutzlos. Bist machtlos. Wie im Kleinen, so auch im Grossen. Wie ein Schlag ins Gesicht erkannte ich, dass ich blind auf die Verlockungen der Macht reingefallen war. Wie ein Jedi-Schüler hatte ich mich der dunklen Seite der Macht zugewendet. Hatte sie genossen wie ein süsser Tropfen Wein und ohne einen Gedanken zu verschwenden, tausende von Truppen hingerichtet und damit bestimmt dutzenden Spielern dauerhaft den Spass am Spiel genommen. Ich habe diese Noobs ausgelacht, sie verhöhnt und ausgelacht. Und dabei ohne es zu merken dabei meine eigene Identität und Integrität mit Füssen getreten und aufs schändlichste verraten. Der Blick in den Spiegel kam einem Schlag ins Gesicht gleich. Exakt so funktioniert diese Welt. Exakt so ticken Menschen. Und so ticke ich scheinbar auch. 

Während ich über diese bittere Erkenntnis grübelte, bildete ich 1000 minderwertige Truppen aus und schickte sie resigniert gegen den König.

Heute morgen war ich immer noch in der Allianz. 

Und vermied achtsam den Blick in den Spiegel. 

30 Cent

Gestern Abend war ich mit einem sehr gutem Freund im Kino. Vorher sind wir noch was essen gegangen. Zwei lecker Bierchen dazu. Hinterher die Karten geholt, dazu ein paar Snacks und so was eben. Alles in allem waren wir damit schnell 50 € pro Person los. Das Essen war gut, der Film unterhaltsam. Gegen 22:20 Uhr trennten sich dann unsere Wege und ich trat meinen Weg nach Hause an.

Ich hatte vor dem Hauptbahnhof geparkt. Also führte mich mein Weg durch den Bahnhof durch, vorbei an den Aufstiegen zu den Gleisen. Nur wenige Reisende waren zu der Zeit unterwegs, einige schlenderten gemütlich, andere hetzten außer Puste an mir vorbei in dem verzweifelten Versuch, noch irgendeinen Anschlusszug zu erreichen. Alles war in kaltes Neonlicht getaucht, unterbrochen von den grellen Farbspielen der Werbetafeln. Ich ging zügigen Schrittes, wollte einfach nur schnell nach Hause. Rasch erreichte ich den Haupteingang des Bahnhofes und trat auf den Bahnhofsvorplatz.

Eiskalt schlug mir klebriger Nieselregen ins Gesicht, Windböen peitschten über den zu der Zeit menschenleeren Vorplatz. Ich schlug den Kragen hoch, duckte mich vor den Unbilden des Wetters tief in meine viel zu dünne Jacke und beschleunigte meine Schritte. Bis zum Auto waren es keine 50 Meter. Es lockten eine Sitzheizung, Licht und Wärme, entspannende Musik aus dem Radio. Nach ca. 10 Metern trat von links aus dem Halbschatten ein dunkel gekleideter Mann an mich heran. Ich hatte ihn zuerst gar nicht wirklich wahrgenommen, jetzt hielt ich ihn für einen Wartenden, auf was auch immer.

“Entschuldigung, hast du mal ein bisschen Kleingeld für mich?”

Seine Stimme war sehr leise, kaum hörbar. Fast gebrochen. Eine Mischung aus Verzweiflung, Angst und Scham. Es fehlte jegliche sprachliche Routine, die man sonst von den stadtbekannten Schnorrern kennt. Fast konnte ich seine Emotionen körperlich spüren. Eine dunkle Wolke aus sich fast aufgeben und doch irgendwie weiterkämpfen. Nur diese Nacht überstehen, morgen weitersehen.

Ich murmelte ein leises “Nein…”, schüttelte den Kopf und ging energisch entschlossen weiter.

“Vielleicht 10 Cent?” hauchte er mir verzweifelt hinterher.

’10 Cent? Was ist das für ein Scheiss?’ dachte ich spontan. Die meisten stadtbekannten Penner fragen nach einem Euro oder 50 Cent. 10 Cent, das ist ja selbst in der “Branche” eher ungewöhnlich. Ich grübelte weiter. Was kann man denn mit 10 Cent anfangen? Dafür bekommt man auf gut deutsch gesagt NICHTS. Allenfalls ein müdes Lächeln. Und dann der Tonfall. Er ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Weiter über diese Sache nachdenkend stieg ich in mein Auto. Motor an, Musik an. Losfahren.

Es lief “Deeper Understandig” von Kate Bush. Langsam fuhr ich los, rollte an die nächste Kreuzung ran. Ich fragte mich, warum ich dem armen Kerl eigentlich nichts gegeben hatte. Was sind schon 10 Cent? Oder auch ein Euro? Vielleicht hat er Hunger oder ist krank. Vielleicht ist er auch nur ein Alki oder Drogenjunkie auf der Suche nach dem nächsten Rausch. Aber spielt es denn eine Rolle? Ich kenne ihn doch gar nicht. Ich bog auf einen grossen Kreisel ein, fuhr rum – und fuhr schnurstracks zum Bahnhof zurück. Ich kann nicht in Worte fassen, was genau mich dazu bewegte. Aber wenn mich so eine, leider fast schon alltäglich Situation in einer deutschen Großstadt, so in meinem Herzen und in meinen Gedanken bewegt, hat es was zu bedeuten. Alles in mir schrie fast ‘DREH UM, FAHR DA WIEDER HIN!’.

Meine Gedanken drehten sich. Was sollte ich ihm denn sagen? Wie spreche ich ihn an? Wieviel gebe ich ihm dann? Tief in Gedanken suchte ich einen Parkplatz nahe des Bahnhofsvorplatzes. Ich stieg aus, holte tief Luft und ging dann los.

Ich ging direkt auf ihn zu. Er drehte sich zu mir um und ich sah an seinem überraschten Gesichtsausdruck, dass er mich wiedererkannte.

“Wofür brauchst du das Geld?” fragte ich ihn. Diese Frage kam mir als erstes in den Sinn und sie schien mir in der Situation die angemessenste zu sein.

Es schien ihm merklich unangenehm zu sein, darauf zu antworten. “Um ehrlich zu sein, ich brauche noch 30 Cent um mir eine Flasche Bier kaufen zu können.”

Und dann geschah etwas seltsames mit mir. Ich hätte mich ja jetzt innerlich aufregen können und ihn dafür verurteilen, das er für Alkohol bettelt. Ich hätte alle meine, zum Teil auch von Berufswegen her bestehenden Vorurteile aus der gedanklichen Schublade ziehen können. Hätte ihm genervt die 30 Cent geben und mich hinterher darüber ärgern können. Doch ich tat nichts von alledem. Ich ließ innerlich los. Ich war schlagartig frei von allem Urteilen. Ich sah ihn einfach nur an, mit meinem Herzen, als Mensch. Durch und durch. Ohne jedwede Wertung. Er und ich, wir waren in dem besonderen Augenblick eins. Aus der selben Quelle, aus der wir alle kommen.

“Hast du schon was gegessen?”

“Ja, das habe ich. Ich war vorhin in der Bahnhofsmission. Ich habe auch einen Schlafplatz in der Notunterkunft dort vorne.”

Ich griff zu meinem Portemonnaie und zog einen 5-Euro Schein heraus und gab ihm diesen.

“Hier. Damit du diese Nacht nicht mehr in der Kälte rumstehen musst.”

Ich habe lange darüber nachgedacht, wann ich das letzte Mal einen Menschen gesehen habe, der sich so über etwas gefreut hat. Der so fassungslos war über das, was ihm gerade widerfährt. Zum ersten Mal während dieser Begegnung leuchteten seine Augen kurz auf, kam für einen kurzen Augenblick Lebenswille zurück in seinen Körper. Er bedankte sich viele Male bei mir. Und während wir da so standen, erkannte ich wie diese Energie, die ich dem Moment übertragen hatte, direkt und ohne Zeitverzug wieder zu mir zurückkam. Wieder spürte ich, dass wir eins waren. Das alles, was ich einem anderen Menschen antue, wieder auf mich zurückfällt. Was wir vermeintlich anderen antun, tun wir in der allgültigsten Konsequenz immer uns selber an. Und es steht uns auch nicht zu, über andere Menschen zu urteilen. Wer sind wir, dass wir uns das anmaßen? Was wissen wir denn wirklich über unsere Mitmenschen? Wir wissen nichts! Wir kennen uns ja selber kaum.

Ich wünschte ihm alles Gute und fuhr dann nach Hause. Ich empfand eine tiefe Demut angesichts dieser Geschichte. Und tiefe Dankbarkeit, dass mir dieser unvergleichliche Augenblick geschenkt wurde, das alles zu erkennen und mit meinem Herzen zu fühlen.

Danke an den unbekanntem Mann auf dem Bahnhofsvorplatz. Alles Gute.


Die “Pille danach” – eine persönliche Betrachtung

Es gibt ja kaum einen Tag, an dem nicht irgendeine Sau durch das Netz getrieben wird. Heute war es mal wieder soweit: Der geballte Zorn insbesondere der feministischen Netzgemeinde entlud sich gewaltig an einem einzelnen Tweet des MdB Jens Spahn von der CDU. Genauer äußerte er sich zur sogenannten “Pille danach”, ein Hormonpräparat, bestehend aus den Wirkstoffen Levonorgestrel (Präparat: Pidana) oder Ulipristalacetat (Präparat: ellaOne), welches der notfallmässigen postkoitalen Empfängnisverhütung dient. In der Grossen Koalition ist aktuell ein Streit darüber ausgebrochen, ob man die Rezeptpflicht für die Pille danach aufheben soll und somit dann jede Frau in der Lage wäre, sich diese im Notfall in jeder Apotheke ohne vorherige Konsultation eines niedergelassenen Arztes oder des Ärztlichen Notdienstes zu besorgen. Die CDU ist strikt dagegen, die SPD befürwortet diesen Schritt. Mit Entscheidung vom 08.11.2013 hat der Bundesrat der Aufhebung der Rezeptpflicht zugestimmt. 

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Nun kann man über die polemische Äußerung, es seien ja keine Smarties, sicherlich vortrefflich streiten, impliziert diese doch in gewisser Weise, dass Frauen zu zigtausenden jeden Tag in die Apotheken dieser Republik pilgern würden, um sich gleich ganze Vorratspackungen der Pille danach zu besorgen, um dann völlig unreflektiert und bar jeder Eigenverantwortung täglich ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ständigen wechselnden Partnern zu haben. Das ist natürlich Blödsinn im Quadrat und das weiß Herr Spahn sicherlich genauso gut wie ich. Zudem sind diese Präparate in 28 anderen europäischen Ländern rezeptfrei erhältlich und man hat allem Anschein nach keine negativen Erfahrungen damit gemacht. 

Kennzeichen von Polemik sind oft scharfe und direkte Äußerungen, teilweise auch persönliche Angriffe. Gelegentliches Ziel ist das Demaskieren eines Opponenten im Glaubens– und Meinungsstreit. Gegebenenfalls bedeutet dies auch die – mehr oder weniger – subtile Beschuldigung des Opponenten, keineswegs jedoch den Verzicht auf sachliche Argumente. (Quelle: Wikipedia)

Schnell formierte sich eine breite Front gegen Herrn Spahn, in der Mehrheit von Frauen angeführt. Unter dem Hashtag #wiesmarties hagelte es Contra, dass es nur so krachte. 

Dabei sparten diverse Protagonistinnen wie @vonhorst oder @FrDingens ebenso wenig mit Polemik und Zynismus, wie Jens Spahn dieses im Vorfeld tat.

Hauptargument: Das Selbstbestimmungsrecht der Frau werde erheblich eingeschränkt. Frauen seien anscheinend zu blöde, Packungsbeilagen zu lesen und mit Nebenwirkungen eines Präparates umzugehen. Und so weiter und so fort. Es steht jedem frei, sich durch gefühlte 3 Millionen Tweets zu dem Thema zu lesen. Ich habe es jedenfalls nicht getan. Viele dieser Tweets sind mehr von Feminismus und weniger von medizinischen Sachargumenten geprägt. Sehr wohl aber habe ich mir Gedanken dazu gemacht, wie ich zu der Rezeptpflicht eines Notfallkontrazeptivums stehe. Und bin rasch zu einem Ergebnis gekommen:

PRO Rezeptpflicht. Ganz klar.

Die Pille danach ist ein wahrer Hormonhammer. Sie greift tief in den weiblichen Hormonzyklus ein und verhindert, das es zu einem Eisprung kommt. Springt kein Ei, kann dieses ergo auch nicht von einem Spermium befruchtet werden. Ferner wird die Beweglichkeit der Spermien eingeschränkt. Levonogestrel verhindert nicht die Einnistung des Eies in die Gebarmutterschleimhaut. Beim Wirkstoff Ulipristalacetat ist diese Wirkkomponente umstritten, es wird vermutet, dass es auch die Einistung verhindert. Zu den genauen Details verweise ich auf die allgemein zugänglichen Einträge bei Wikipedia oder bei den Fachverbänden. Bei beiden Wirkstoffen handelt es sich um wahre Hormonbomben, deren Wirkmechanismus vielschichtig ist und bis ins Detail noch gar nicht erforscht. Studien zu den möglichen Langzeitfolgen einer einmaligen oder gar mehrmaligen Einnahme dieser Präparate existieren erst gar nicht. 

Das Nebenwirkungsprofil wird von den Befürwortern einer Rezeptfreiheit stets verharmlost. Da ist von leichten Symptomen die Rede, abdominelle Beschwerden wie bei der Menstruation, evtl. etwas Übelkeit, aber das sei ja alles harmlos. Andere Medikamente hätten ja ganz andere Nebenwirkungen. Die Frau könne ja wohl noch selber entscheiden, ob sie dieses geringe Risiko tragen will. 

Das ist gelinde gesagt völliger Mumpitz. Eigentlich weiss man so gut wie nix über dieses Präparat. Irgendwie funktioniert es und augenscheinlich wird es auch ganz gut vertragen. Nebenwirkungen werden klein geredet. Befürworter verweisen gerne auf die rezeptfreie Verfügbarkeit in den USA (seit 2013) und in vielen anderen Ländern. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Da werden auch geschlachtete Hühner in Chlor gebadet, ist doch alles nicht so schlimm. Diese ewige Schwarzmalerei. Doch zu den möglichen Folgeschäden der Anwendung wird kein Wort verloren in diesen Diskussionen. Wie reagiert der Hormonhaushalt der Frau auf diese hormonelle Atombombe? Treten langfristige Veränderungen im Hormonzyklus auf? Kommt es zu psychischen Folgeerkrankungen wie Depressionen? Wie sieht es mit möglichen Krebserkrankungen, Ovarial-Karzinom beispielsweise, Jahre später aus? Das alles wird völlig ausgeblendet. Für die Pharmakonzerne ist die Pille danach ein blendendes Geschäft. Der Rubel rollt, seitdem die Präparate in den meisten Ländern rezeptfrei erhältlich sind. Wo sind plötzlich all die Gegner der gierigen Pharmaindustrie? 

All den kämpfenden und streitenden Feministinnen dieser Republik möchte ich eines ganz klar sagen: Jede Frau hat das Recht auf die Pille danach. Sie muss jederzeit und problemlos an jedem Ort in Deutschland frei verfügbar sein. Es muss unkompliziert sein, sie zu erhalten. Die Pille danach muss ein einforderbares Recht sein, sie darf nicht verweigert werden. Das steht außer Diskussion. Aber die Anwendung dieses hochkomplexen und potentiell gefährlichen Präparates muss fachmedizinisch begleitet werden. Frauen, die diese Pille anwenden, müssen einen ständigen medizinischen Ansprechpartner haben. Da recht eine pharmazeutische Ausbildung, wie sie ein Apotheker hat, nicht aus. Und, das ist meine ganz spezielle Meinung, sie sollten im Idealfall auch psychologisch betreut werden. Zumindest sollte ihnen diese Option angeboten und nahe gelegt werden. Denn aus eigener indirekter Erfahrung weiss ich, dass die psychische Belastung für die betroffene Frau erheblich sein kann. Einzelne Betroffene berichten sogar über jahrelange Symptome wie depressive Verstimmungen, Gereiztheit bis hin zu ausgewachsenen Depressionen. Es ist sicherlich fatal, die betroffenen Frauen mit der Anwendung der Pille danach völlig alleine zu lassen, selbst wenn sie das vielleicht wünschen. Hier ist der Gesetzgeber gefordert für die geeigneten Rahmenbedingungen zu sorgen, um den Frauen eine möglichst sichere Anwendung zu gewährleisten, ohne ihre Autonomie zu sehr einzuengen. Ich denke hier an die Einrichtung stattlicher Beratungsstellen, die rund um die Uhr erreichbar sind. Ich denke an spezielle Schulungen für Hausärzte und Gynäkologen sowie für am ärztlichen Notdienst tätige KollegenInnen. Ich denke an die Einrichtung von Präparatdepots in Notaufnahmen oder gynäkologischen Krankenhausabteilungen. Ich denke an intensivierte stattliche Förderung von unabhängigen klinischen Forschungsprojekten, um mögliche Langzeitfolgen zu detektieren. Es gibt sicherlich noch viele mögliche Wege, um die Anwendung so sicher und komfortabel wie möglich zu machen. Und allesamt besser, als das Präparat einfach rezeptfrei auf den Markt zu werfen. Das nützt im Endeffekt nur der Pharmaindustrie und nicht der emanzipierten aufgeklärten Frau.